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Fernreisen mit dem Rollstuhl
Mit dem Rollstuhl in Ägypten

Artikel 1/3

veröffentlicht in der DMSG "Kontakt", in Heft 1/1996

Die Planung und Vorbereitung meiner ersten Reise als Rollstuhlfahrer

Ich bin in meinem Leben, als ich noch nicht behindert war, viel und gerne gereist. Selbst als ich, nach unklaren Symptomen seit dem Dezember 1982, im August 1983 mit MS diagnostiziert wurde, aber die körperlichen Ausfälle nur gering waren, verreiste ich wie zuvor sehr häufig mit allen gewohnten Verkehrsmitteln, Auto, Flugzeug und Bahn.
Aber mit der Zeit nahmen die Behinderungen in einem Maß zu, dass ich mir keine Reisen mehr zutraute. Ich gab das Autofahren auf, das Bahnfahren wurde sehr beschwerlich bis unmöglich und das Fliegen habe ich erst gar nicht mehr probiert. Außerdem fühlte ich mich nur noch in der mir vertrauten Umgebung wohl.
Meine Schwester lebte seit 8 Jahren in Kairo und hat mich wiederholt eingeladen sie zu besuchen um das Land und die Leute kennen zu lernen. Sie würde alles in ihrer Kraft stehende tun, um mir den Aufenthalt zu ermöglichen und so angenehm wie möglich zu gestalten. Aber ich fand 1001 Ausflüchte, weshalb ich das nicht kann.
Anlässlich eines Besuches meiner Schwester bei mir, planten wir das Besuchsvorhaben. Das für mich wichtigste Argument war die wahrscheinlich mangelnde, geeignete neurologische Notfallversorgung im Falle einer Verschlechterung. Es wurde alles aufgelistet, was im Vorfeld abzuklären sei und dann auch was ich im Falle, dass es mit meiner Reise doch wider Erwarten klappen sollte, anschauen wollte, und meine Schwester sollte, wenn sie zurück in Kairo war, alle Möglichkeiten erkunden, die mit dem Rollstuhl machbar sind.
Und ich habe mich bei meinem Hausarzt, der selbst erfahrener Weltenbummler ist, erkundigt, welche medizinischen Gefahren auf mich lauern, wohl auch in der Hoffnung, dass er mir abraten würde. Der Arzt war sofort von meiner Idee begeistert und wollte sich kundig machen und mich nach allen Kräften unterstützen.
Er kam schon bald mit der Erkenntnis, dass das Klima im Oktober-November sehr trocken und nicht mehr so heiß sei. Außerdem gäbe es “nur” die Gefahr der Hepatitisinfektion, der man aber durch eine Spritze sehr sicher vorbeugen könne. Des Weiteren berichtete er davon, dass alles Trinkwasser aus dem Nil kommt und die Gefahr einer Amöbeninfektion besteht, was aber nicht sehr bedrohlich sei.
Ich musste lachen bei dem Gedanken daran, dass ich daheim, wo ich alle erdenklichen Hilfsmittel habe und alle Verrichtungen erprobt und Routine sind, schon alle Kräfte brauche um z.B. auf die Toilette umzusitzen, und dann erst mit einer Amöbenruhr in unerprobter Umgebung.
Aber er gab mir Tabletten, von denen er mir garantierte, dass sie den Verdauungstrakt unempfindlich machen und für alle Eventualitäten noch Imodium und eindeutige Ernährungsvorschläge: Wasser auch zum Zähneputzen nur abgekocht oder aus der Flasche zu verwenden, keine Eiswürfel, keine Rohkost.
Dann kam von meiner Schwester die Nachricht, sie habe alles abgecheckt. Die medizinische, neurologische Versorgung sei gewährleistet und ich könne auch die meisten meiner Besichtigungen machen und sie hätte auch schon geeignete Hilfskräfte organisiert und ich solle unbedingt kommen.
Jetzt gab es für mich kein Zurück mehr, ohne das Gesicht zu verlieren. Also ging ich in ein Reisebüro, um einen Flug und die Rollstuhlfahrer-Einsteigehilfe zu buchen.

Das ich mich während der Reiseplanung so ablehnend und ängstlich verhalten hatte, wurde mir erst bewusst, als ich mich mit meiner Schwester und meinem Schwager darüber unterhalten habe. Für mich waren alle meine Bedenken echt und nicht nur vorgeschoben um nicht aus dem Trott zu geraten.
Wie ich dann später aus vielen Diskussionen mit meinen Leidensgenossen in der MS-Selbsthilfegruppe erfahren habe, haben alle MS-Kranken, vielleicht alle Behinderten, solche oder ähnliche Probleme. Ich glaube, dass die fehlende Lebenserfahrung mit den körperlichen Mängeln einem das Zutrauen nimmt und man sich mehr und mehr einkapselt. Damit behindert man sich selbst mehr, als es die körperlichen Mängeln tun.
Es fehlt dann nur an der nötigen Motivation und dem richtigen Anschub, um aus diesem Teufelskreis ausscheren zu können. So wie es mir ergangen ist.
Ich möchte aber keinem Behinderten empfehlen ohne intensive Planung und Vorbereitung nach Ägypten zu reisen, denn es ist sehr wenig auf Behinderte eingestellt. Die Leute dort sind sehr freundlich und hilfsbereit und es geht immer irgendwie, aber es war für mich zuerst ein Schock und großer Stress mit dieser Situation fertig zu werden.
Da ich dann während dieser Reise ausschließlich gute Erfahrungen gemacht habe (irgendwie geht immer alles) und alles ohne größere Probleme geklappt hat (man darf aber nicht immer den Komfort erwarten, den man zu hause hat), bin ich mittlerweile wieder reisebegeistert wie vor meiner Erkrankung.
Ich war seitdem noch 2 mal in Ägypten und habe auch sonst weitere Reisen gemacht. Ich glaube, dass das Reisen für Behinderte sehr wichtig ist, denn es verschafft einem viele neue Eindrücke und Erlebnisse, die zum einen ein wenig ablenken und zum anderen Selbstvertrauen schaffen. Außerdem halte ich es für sehr wichtig, dass man sich nicht zurückzieht und versteckt, denn nur so gibt man den „Nichtbehinderten“ (Alle Menschen sind Behindert, Gott sei Dank, sieht man sofort, dass ich nicht laufen kann!) eine Chance zu sehen, dass wir auch ganz normale Menschen sind und man mit uns ganz normal umgehen kann.

Artikel 2/3

veröffentlicht in der DMSG "Kontakt", in Heft 2/1996

Mit dem Rollstuhl in Ägypten

In meinem ersten Bericht habe ich über meine Hemmschwellen geschrieben und möchte jetzt über meine schönen Reiseerlebnisse berichten.
Am 22.11.1991 (*10 Tage nach dem großen Erdbeben in Kairo) ging es los. *Das allerdings machte mir keine Sorgen, denn ich wollte schon immer mal so etwas erleben! Nur in meinem Freundeskreis und von den Eltern wurden Sorgen geäußert.
Um 6. 00 Uhr holte mich ein Freund ab und brachte mich nach Erding zum Franz-Joseph-Strauß-Flughafen, von dem um 9.30 Uhr mein Flieger startet sollte.
Wider Erwarten war das Einchecken und Boarden mit dem Flughafen-Rollstuhlfahrerservice kein Problem. Auch während des Flugs hatte ich immer das Gefühl von dem Personal in besonders positiver Weise umsorgt zu werden.
Nach 4 Stunden Flug bei sehr ruhigem und klarem Wetter landeten wir pünktlich um 14.30 Uhr Ortszeit in Heliopolis, dem Kairoer Flughafen. Alle Passagiere stiegen aus und ich wurde gebeten zu warten, bis der Aussteigeservice mich von meinem Platz abholte.
Aber es kam anders. Durch gute Beziehungen hatten es meine Schwester und mein Schwager möglich gemacht, mich persönlich, direkt aus dem Flugzeug abzuholen. Sie standen dort mit zwei Flughafensicherheitsoffizieren, die mich in meinen bereitstehenden Rolli setzten und meine Visumformalitäten erledigten und mein Gepäck auscheckten und durch den Zoll brachten.
Wie meine Schwester mir dann mitteilte, gibt es in Kairo keinen besonderen Flughafendienst für Behinderte.
Es war für mich noch immer unwirklich, aber ich war in Kairo, der Rückflug in 3 Wochen gebucht und jetzt war ich stolz auf mich!
Ich war bei ca. +1°C und Nieselregen in München abgeflogen und hier in Heliopolis, einem Stadtteil von Kairo, bei dem der Flughafen von Kairo liegt, war klares Wetter mit strahlendem Sonnenschein und 35° C. Wir fuhren mit dem Auto quer durch Kairo zu der Wohnung meiner Schwester.
Der Straßenverkehr in Kairo war beeindruckend für mich. Daran konnte ich sehen, dass ich im Orient bin. Jeder Autofahrer ist ein Anarchist. Es scheint keine Regeln zu geben, wenn doch, hält sich keiner daran. Alles ist reine Nervensache. Man hupt und fährt. Aber irgendwie geht alles und in den 3 Wochen in Ägypten habe ich keinen größeren Verkehrsunfall gesehen, in Deutschland unvorstellbar.

An dem Haus, in dem meine Schwester wohnt, warteten schon zwei Männer, mein “Aufzug” in den dritten Stock, zu ihrer Wohnung. Ich glaube, diese Leute haben noch nie zuvor einen Rollstuhl gesehen und wussten gar nicht, wie und wo man ihn anfassen könnte. Ich gab Ihnen Anweisungen, an welchen Stellen er stabil genug war um mein Gewicht zu tragen, die mein Schwager übersetzte, und es ging los. Man muss schon gute Nerven haben, um diesen Aufstieg zu überstehen, aber irgendwie geht alles und ich kam heil oben an. Nach einigen Tagen und wiederholten Auf- und Abstiegen (bis zu dreimal täglich) hatten meine Träger die notwendige Routine und es war auch für mich kein Problem mehr. Für diese Dienstleistung bekamen die beiden Männer zusammen 6 DM täglich, für deutsche Verhältnisse denkbar wenig.

Mein Lift hieß Saben und Fati

Mein Lift hieß Saben und Fati

Den Rest dieses Tages verbrachten wir mit der Begrüßung, denn wir hatten uns schon lange nicht gesehen und deshalb gab es viel zu erzählen. Außerdem wollte ich erfahren, was meine Schwester und mein Schwager für mich als touristisches Programm vorbereitet haben. Sie erzählten mir hauptsächlich von dem tollen Hotel, das sie für die zweite Woche in Hurgada am Roten Meer gebucht haben. Mehr wollten sie mir nicht erzählen.

An den Pyramiden von Giza

An den Pyramiden von Giza

Schon am nächsten Tag ging mein touristisches Programm los.
Ich habe in den 3 Wochen so viel zu sehen bekommen, dass ich das nur in Kürze aufzählen möchte. Ich war einige Male bei den Pyramiden von Giza und beim Sphinx. Ich war bei den Stufenpyramiden von Saquara, bei der Knickpyramide von Maydum, im ägyptischen Museum, auf der Zitadelle, im Khan El Khalili (der Basar in der Altstadt von Kairo).

Da mein Schwager Ägypter ist, habe ich auch sehr viele Dinge gesehen, die außerhalb des normalen touristischen Programms liegen. So habe ich die Friedhofsstadt, Teile der Müllstadt gesehen und hatte die Chance in seiner Familie und im Freundeskreis das ganz normale ägyptische Leben zu sehen.
Ich habe dann auch einige Nachbeben erlebt. Das stärkste dauerte ca. 30 Sekunden und hatte die Stärke 4,7 auf der Richterscala und war schon sehr beängstigend.

Die eine Woche am Roten Meer war ein besonderes Erlebnis, denn wir waren die ersten Gäste in einem sehr schönen neuen 4 Sterne Hotel. Dieses Hotel war mit Personal voll ausgestattet, so dass man besonders beachtet und verwöhnt wurde. Außerdem gab es dort ein Animationsteam, eine Gruppe junger Leute aus aller Herren Länder, die sich in besonderer Weise um uns gekümmert haben, weil meine Schwester, Schwager und ich viele Sprachen sprechen und sie sich in ihren Muttersprachen unterhalten konnten. Das Wetter war herrlich und die Wassertemperatur wie in der Badewanne, so dass ich einige Male schwimmen konnte. Diese eine Woche habe ich in ganz besonderer Weise in Erinnerung behalten.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass mir dieser Urlaub sehr gut gefallen hat. Das Klima war sehr gut, 20 bis 30 Grad Celsius bei sehr geringer Luftfeuchtigkeit, ca. 30 bis 40%.

Im Roten Meer

Ich war sogar schwimmen

Ich habe sehr viel gesehen und erlebt und es war ein großes Abenteuer, denn Ägypten ist rollstuhlungerecht, aber irgendwie hat immer alles geklappt.
Dieser Urlaub hat mich ermuntert weitere Reisen zu unternehmen..

Artikel 3/2

veröffentlicht in der DMSG "Kontakt", in Heft 3/1996

Ägypten und Behinderte

Ich habe mich auch dafür interessiert, wie Behinderte in Ägypten leben. Dabei habe ich erfahren, dass dieses Thema viele Facetten hat. Sehr häufig sieht man Behinderte betteln und wie ich dann erfahren habe, gehören einige dieser einer Bettelmaffia an und sind zum Teil als Säugling von ihren Eltern mit Absicht verkrüppelt worden, um eine bessere Bettelchance zu haben. Das waren für mich teilweise schockierende Bilder, denn oft konnte man die absichtlich herbeigeführten, sehr skurrilen Verkrüppelungen erkennen und sich die damit verbundenen Schmerzen und Leiden vorstellen.
Dann sieht man Kriegsversehrte vom 6 Tagekrieg, wie mir erklärt wurde, auf umgebauten, dreiräderigen Motorrollern. Aber auch Behinderte mit sehr einfachen, aber zum Teil sehr phantasievollen Hilfsmitteln. Ich sah einen beidseitig Oberschenkelamputierten auf einem Skateboard sitzen und sich mit den Händen am Boden abstoßen.
Ich habe erfahren, dass die Ägypter sehr hilfsbereit sind. Auf der einen Seite sind die meisten sehr arm und auf Bakschisch angewiesen und helfen für ein paar Piaster gerne. Aber ich habe auch sehr häufig erlebt, dass mir geholfen wurde, auch von Leuten, denen man ansah, dass sie auf das Geld angewiesen sind und zu verstehen gaben, dass sie aus Solidarität geholfen haben und auf keinen Fall das Geld nehmen würden.
Ich habe auch einige Geschäfte und Werkstätten gefunden, in denen Hilfsmittel für Behinderte hergestellt, bzw. verkauft werden. Man war dort ganz stolz, als man mir einen deutschen Katalog für Hilfsmittel zeigte, die sie nachbauen. Und man bestaunte meinen Rolli, das geringe Gewicht, die Leichtgängigkeit durch Saalsportreifen, aber auch die fetzige Aufmachung.

Als europäischer Tourist fiel mir auf, dass Ägypten insbesondere behindertenungerecht ist. So sind die Bordsteinkanten zum Schutz der Fußgänger vor den Autos “tischhoch“, ohne Absenkung. Aber es gibt auch viele Vergünstigungen für Behinderte, die ohne Nachweise und Diskussionen, wie ich es aus Deutschland kenne, gewährt werden, weil man sieht, dass man im Rollstuhl sitzt. So ist an vielen Sehenswürdigkeiten der Eintritt sehr verbilligt oder gar gratis und man unterstützte mich mit allen Mitteln um mir die Besichtigung zu ermöglichen. Im Ägyptischen Museum z.B. wurde mir eine Begleitperson zur Verfügung gestellt und ich durfte den Lastenaufzug benutzen und die Zitadelle durften wir mit dem Auto befahren.
Wie ich mittlerweile auf meinen Reisen erfahren habe, sind die großen internationalen 4 oder 5 Sterne Hotels am besten für Rollstuhlfahrer eingerichtet (es war schon immer etwas teurer etwas Besonderes zu sein). Sie haben oft sogar besondere Rollstuhlfahrer-Zimmer. So war ich in Alexandria im Montazah-Sheraton. Auch dort gab es ein besonderes Rollstuhlfahrer-Zimmer. Wie sich herausstellte, war ich dort der erste Rollstuhlfahrer und bekam deshalb das Zimmer zum halben Preis.


Bauchtänzerin

Sie war eine schlechte Tänzerin,
aber ist doch alles dran!

Wir gingen oft aus, z.B. ein Bier trinken, zum Essen oder in eine Bar um einen Bauchtanz anzuschauen.

Das kann man in Ägypten nur in diesen großen internationalen Hotels, da es dort sonst keine Restaurants oder Kneipen wie bei uns gibt. Mir fiel dabei immer auf, dass ich dort mit ganz besonderer Aufmerksamkeit von den Bediensteten umsorgt wurde.


Barchefin

Die Chefin der Bar war immer sehr bemüht um mich!
Ist auch eine hübsche!


Mein Schwager, ein Professor an der Giza Universität, der mich meistens schob, legte auch besonderen Wert darauf, dass man erkennt, dass er jemand ist. Als ich das mit meinem Schwager diskutierte und er dann auch nachfragte, stellte sich heraus, dass man glaubte, ich müsse ein ganz besonders vornehmer, reicher Mann sein, der es nicht einmal notwendig hat zu laufen. Das war auch der Grund, warum sich mein Schwager so viel Mühe gab, denn er wollte nicht als mein Diener erscheinen.
Dass man mich so einschätzte, hängt damit zusammen, dass es in Ägypten kaum rollstuhlfahrende Touristen gibt (ich habe keinen getroffen) und man in diesen teuren Hotels deshalb wohl nur ganz selten Rollstuhlfahrer sieht, denn die heimischen Behinderten können sich das ni4cht leisten. Und ich passte mit meinem fetzigen Rollstuhl und meiner guten Kleidung und meinem selbstbewussten Auftreten nicht in das ägyptische Klischee eines Behinderten, also musste ich etwas anderes sein. Das hat mich sehr amüsiert, aber ich habe es auch genossen.
Ich habe während meiner mittlerweile 3 Ägyptenreisen sehr viele Eindrücke und sehr viel Selbstvertrauen bekommen, denn ich habe gelernt: “Irgendwie geht immer alles!“
Es war oft sehr anstrengend und sehr abenteuerlich, aber immer erfolgreich und schön!



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