Als im Dezember 1982 die Geburt meiner Tochter bevorstand, hatte ich erstmalig
auffällige, unerklärliche Symptome.
Es fing damit an, dass meine Zehen sich wie "eingeschlafen" anfühlten. Dieses Gefühl stieg innerhalb
von einer Woche bis zum Bauchnabel auf.
Ich ging zuerst zu einem Orthopäden, denn ich hatte nach einem Sportunfall immer wiederkehrende Ischialgien und dachte, dass jetzt wohlmöglich ein anderer Nerv eingeklemmt sein könnte. Der
Orthopäde untersuchte mich mit dem Befund, dass orthopädisch alles in Ordnung sei und überwies
mich zu einem Neurologen.
Ich wusste nicht, dass in der heutigen Zeit immer noch gefoltert wird, denn so empfand ich die
Untersuchungen mit Nadelelektroden, die in verschiedene Muskeln eingestochen und dann unter
Strom gesetzt wurden. Nach einer Stunde kam der Arzt zu dem Schluss, dass noch nie ein Mensch in
seiner Praxis war, der gesünder war als ich und ich solle noch einmal kommen, wenn die Symptome nach
14 Tagen nicht abgeklungen sein.
In den nächsten Tagen war ich sehr beunruhigt, denn die Symptome blieben und ich musste mich
doch um die Vorbereitungen für die erwartete Geburt kümmern. Beim nächsten Besuch beim
Neurologen, stellte dieser Arzt wieder nur fest, dass ich kerngesund sei und ich solle in 14 Tagen noch einmal
wiederkommen, wenn die Symptome immer noch vorhanden seien. Dann fragte er nur noch, wie lange er mich krankschreiben
soll. Ich habe diese Frechheit erst nach ein paar Stunden verstanden. Er war wirklich der Meinung, dass ich
ein Simulant sei und mich vor der Arbeit drücken wollte.
Mittlerweise wurde meine Tochter geboren und die Symptome waren auch vorbei.
Im August 1983, ziemlich genau neun Monate später begannen wieder die gleichen Symptome und weil ich in
der Provinz wohnte, gab es nur einen Neurologen und das Spiel fing wieder von vorne an. Ich hörte mir
an wie gesund ich bin und wie lange ich krankgeschrieben werden wolle.
Da bin ich explodiert und verlangte, dass er mich irgendwohin überweist, wo man feststellt was mir fehlt.
Er hat mich auch tatsächlich in die neurologische Landesklinik Garbersee zur Lumbalpunktion und zur
Myelographie eingewiesen.
Das passte mir im Moment überhaupt nicht in den Kram, denn in der nächsten Woche war schon
eine Geschäftsreise nach Paris geplant und eine Woche später wollte ich mit meiner Familie in
den Urlaub fahren.
Aber ich fuhr sofort nach Garbersee und hoffte, sofort damit fertig zu sein. Der Stationsarzt machte einige
Untersuchungen. Er war ganz begeistert davon, mir mit einem spitzen Gegenstand unter der Fußsohle zu
kratzen und meine Reflexe herauszufordern. Er rief dann sogar eine junge Kollegin und erklärte ihr, dass
das ein sehr ausgeprägter "positiver Babinski" sei.
Dann fragte er mich, ob ich noch irgendwo anrufen wollte, denn die Myelographie und die Lumbalpunktion
seien dringend angezeigt und ich müsste mindestens eine Woche stationär aufgenommen werden.
Ich erklärte ihm meine Planungen für die nächsten Wochen und dass es mir am liebsten wäre,
wenn icn erst danach die Untersuchungen durchführen lassen könnte.
Er erklärte mir, wie schwerwiegend die Zeichen seien und dass es eigentlich keinen Aufschub geben darf.
Also willigte ich ein, sofort nach der Geschäftsreise zur Diagnose zur Verfügung zu stehen.
Mit meiner Frau machte ich aus, dass ich sie mit der Tochter zum Flughafen bringe und sie schon fliegen soll
und ich komme dann nach, sobald meine Untersuchungen abgeschlossen sind.
Nach meiner Geschäftsreise, brachte ich meine Frau und Tochter zum Flughafen und ging dann in die Klinik.
Am zweiten Tag wurde ich in den Röntgenraum gebracht und sollte 24 Stunden im Bett sitzen, damit das
Kontrastmittel, dass für die Myelographie in den Rückenmarkskanal gespritzt wurde, nicht in den
Kopf aufsteigt.
Am nächsten Tag hatte ich so starke Kopfschmerzen, dass es fast nicht auszuhalten war. Die hielten auch
die nächsten zwei Wochen an. Allerdings als mich der Arzt bei der Visite danach fragte, verneinte ich
Kopfschmerzen zu haben, denn ich fürchtete sonst nicht zum Wochenende entlassen zu werden.
Am Freitag kamen die Ergebnisse der Lumbalpunktion und der Arzt bat mich in sein Zimmer und sagte, dass
er der Meinung wäre, dass ich stark genug sei, dass er mir ohne Umschweife das Ergebnis mitteilen könnte.
Als ich ihm zustimmte, eröffnete er, dass ich Encephalomyelitis disseminata, auch besser bekannt als multiple Sklerose habe.
Obwohl ich nicht genau wusste, was das für eine Krankheit ist, erschrak ich sehr.
Als ich dann entlassen wurde, hatte ich nur noch einen Gedanken, so schnell wie möglich zu meiner Frau und
Tochter zu fahren.
Da ich immer noch fürchterliche Kopfschmerzen hatte, bat ich einen befreundeten Apotheker um ein Kopfschmerzmittel, mit dem man Auto fahren kann.
Damit fuhr ich 1.500 Kilometer meiner Familie hinterher.
