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Veröffentlicht in der DMSG „Kontakt“ 4/1995

Ich weiß, dass DragonDictate bereits veraltet ist, aber mein Artikel gilt stellvertretend für Spracheingabesoftware als Hilfsmittel für Behinderte!

Behinderthilfsmittel
Beschreibung und Erfahrungsbericht über die Spracheingabe-Software DragonDictate als Behindertenhilfsmittel!

Im Verlauf meiner MS wurde meine rechte Hand betroffen (Feinmotorik- und Koordinationsstörung), so dass ich nicht mehr schreiben konnte. Deshalb habe ich mir einen Computer zugelegt auf dem ich mit der linken Hand tippen konnte und die rechte Hand nur die Umschalt- und Eingabetaste bedienen musste. Das nächste Hilfsmittel, dass mir weitergeholfen hat, war ein Unterschriften-Stempel.
Da aber mit der Zeit auch die linke Hand mehr und mehr betroffen wurde, wurde auch das tippen ein mühsames Unterfangen. Ich benötigte zum Schluss weit über eine Stunde um eine DIN A4 Seite zu schreiben und die Tippfehler zu korrigieren. Da ich aber viele Briefkontakte habe und für die Öffentlichkeitsarbeit der Interessengemeinschaft Regenerative Energien e.V. zuständig bin, wollte und musste ich viel schreiben.
Durch einen Freund, der ein Computergeschäft hat wurde mir eine Sprachsteuerung empfohlen. Diese Software wurde speziell für den Einsatz in Büros insbesondere für Anwaltskanzleien entwickelt. Er hatte in der letzten Zeit einige verkauft und recht gute Erfahrungen damit gemacht. Ich hatte dadurch die Chance vor meiner Kaufentscheidung diese Software zu testen und war schon nach ca. einer halben Stunde Training begeistert.
Dieses Spracheingabe Programm gibt es in zwei Ausführungen. Eine funktioniert unter DOS und bedient alle Programme die unter DOS laufen.
Die anderen Version läuft unter Windows und bedient alle Programme, die unter Windows laufen.
Und diese Versionen gibt es in zwei Größen. Die Classic-Edition hat einen Grundwortschatz von ca. 30.000 Wörtern, kostete ca. 2.500 DM und die Profi- Edition einen Grundwortschatz von ca. 50.000 Wörtern, kostete ca. 4.000 DM, wobei es keinen Preisunterschied zwischen der DOS- und Windows- Version gibt.
Im Preis enthalten sind alle notwendigen Komponenten, wie eine Spracherkennungs-Karte und ein Mikrophon mit Kopfhalterung.
Das Programm belegte ca.20 MB Harddiskkapazität und benötigt eine Arbeitsspeicherkapazität von 10,5 MB. Man sollte den Arbeitsspeicher auf ca. 16 MB ausbauen, da, vor allem bei der Windowsversion weitere Programme im Arbeitsspeicher resident sind.

Mit diesem Programm kann man die Programme aufrufen und Steuern und in den verschiedenen Schreibprogrammen Texte diktieren. Es lässt gleichzeitig alle Computer Eingabemöglichkeiten zu. Man kann also nebeneinander über die Spracheingabe oder das Keyboard und mit der Mouse mit dem Programm kommunizieren.

Ich entschied mich für die Windows Classic-Edition, da ich schon seit geraumer Zeit mit Word 6.0 unter Windows arbeite und für mich Windows mit dem Multitasking und der angebotenen Programmvielfalt die bessere Möglichkeiten eröffnet.

Die Spracheingabe Software DragonDictate hat ein relativ einfaches Funktionssystem. Es werden die Klangmuster der gesprochen Wörter aufgenommen und in Tastenfunktionen umgewandelt. Da jeder Mensch ein eigenes Sprachbild, ähnlich einem Fingerabdruck hat muss sich das Programm erst an den neuen Benutzer gewöhnen. Dazu bieten es ein Schnelltraining an, dass, wenn man es konzentriert und konsequent durchführt, ausreichend ist, um mit dem Programm die Arbeit zu beginnen. Dieses Schnelltraining dauert ca. eine halbe Stunde. Das Programm bieten ca. 200 Wörtern an, die man sprechen muss. Dabei muss man einzelne Wörter 3 bis 7 Mal wiederholen, je nachdem, wie konstant die Betonung bzw. die eigene Aussprache ist. Des weiteren lernt das Programm durch den normalen Gebrauch und gewöhnt sich, je mehr man damit arbeitet an die individuellen Sprachgewohnheiten und wird zusehends treffsicherer.
Allerdings muss man mit diesem Programm immer sehr konsequent arbeiten und alle falsch verstandenen Wörter zurückweisen und korrigieren, denn das Programm würde immer wieder den Fehler wiederholen.
Das ist allerdings relativ einfach, denn es bietet beim diktieren in einem separaten Fenster immer 10 Wörtern an, die das Programm meint verstanden zu haben. Dabei wird das Wort an der ersten Position immer in den Text übernommen und die anderen Wörtern nur zur Auswahl angeboten. Sollte also das Wort in der erst Priorität falsch sein, aber das richtige Wort unter den alternativen Wörtern angeboten sein, z.B. an der Position 3, so wählt man es aus indem man sagt “nimm3” (man muss diese Befehle aussprechen, als wäre es ein Wort, um den Unterschied zu Diktierwörtern zu wahren). und das falsche Wort im Text wird durch das ausgewählte ersetzt. Sollte unter den Alternativen nicht das richtige Wort sein, so weist man das falsche Wort zurück indem man “Streichdas” sagt und korrigiert es über die Wortliste, die man aufruft indem man “hoppla” sagt und kann dort das Wort finden, indem man es tippt oder mit kaufmännischen Buchstabieralphabet buchstabiert. Da auch in diesem Fenster 10 Wörter angeboten werden, erscheint das gemeinte Wort meist schon nach der Eingabe weniger Buchstaben und man wählt es aus, wenn es z.B. an der Position 5 steht indem man sag ”nimm5”. Sollte das Wort ausgeschrieben werden müssen, ist dieses Wort nicht im Wörterbuch enthalten und wird mit der Eingabe und anschließenden Auswahl in das Wörterbuch aufgenommen.
Ich arbeite jetzt schon seit 6i Monaten mit diesem Programm und bin sehr zufrieden. Ich schaffe mittlerweile eine DIN A 4 Seite in ca. 20 Minuten inklusive der Formatierung und muss mich um die Orthographie nicht kümmern. Ich stelle weiterhin fest, dass dieses Programm durch zunehmenden Gebrauch besser wird. Und ich habe ihm schon sehr viele Fachbegriffe, vor allen Dingen aus der Photovoltaik beigebracht und natürlich sehr viele Eigennamen, Städtenamen und Straßennamen, da man diese für die Adresse braucht.
Die Treffsicherheit ist umso besser je komplizierter das Wort ist. So verwechselt dieses Programm sehr häufig die Wörter ich, mich, dich und nicht, aber niemals das Wort Solarrollstuhl oder Solardach.
Alles in allem hat mir dieses Programm wieder das arbeiten am Computer ermöglicht. So habe ich zum Beispiel diesen Artikel damit geschrieben.
Ich halte es für ein sehr gutes Behindertenhilfsmittel, dass aber sehr teuer ist (2.500 DM das Programm + ca. 80 DM pro MB Arbeitsspeicher = min. 800 DM). Ich habe mich um finanzielle Unterstützung bemüht und dabei erfahren, dass dieses Hilfsmittel für berufstätige Behinderten gefördert wird, habe aber, weil ich schon verrentet bin, keine Unterstützung bekommen.


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